Die Kraft der Erinnerung

Ihr Tod wurde nicht nur in Kauf genommen, er war gewollt! Die Kinder im NS-Zwangsarbeiterinnenlager Kostheimer Straße 9. Broschüre zur Stolpersteinverlegung in der Kostheimer Straße 9, Frankfurt am Main am 2. Juni 2026, Hrsg. und Redaktion: AG Gedenkort Kostheimer Straße 9 – Helga Roos, Daniela Hartmann, Jannis Plastargias, Eva Mauch und Sarah Bender, Frankfurt am Main: Selbstverlag, 2026, 70 Seiten
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Rezension von Markus Henning

Längst ist der Ton wieder schrill geworden, haben Schamlosigkeit und Hetze Fahrt aufgenommen. Verrohte Sprache berauscht sich an eigener Empathielosigkeit, würdigt ganze Menschengruppen herab und definiert sie aus der Gemeinschaft hinaus. Erneut erklären Feinde von Humanität und Vielfalt das Erinnern zum lästigen Ärgernis. Denn es könnte die alten Muster erkennen lassen, denen der neue Faschismus in seinem Streben nach Herrschaft folgt. Was Parteien wie die AfD aus dem generationsübergreifenden Wissensbestand tilgen wollen, ist der Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus. Ihn zu relativieren, ihn umzudeuten und zu überschreien, macht Methode wie Ziel der kulturkämpferischen Inszenierungen aus.

Dieser Verschiebung ins Autoritäre kann sich nur widersetzen, wer die Vergangenheit als Sache der Gegenwart begreift. Gerade jetzt sind vorzeitige Schlussstriche zu revidieren. Die Maulwurfsarbeit muss fortfahren, muss sich durch Archive, Register und Datenbanken graben, muss beharrlich Stollen ins Historische treiben. Es gilt auszuleuchten und unübersehbar zu bezeugen, wie die Opfer des Nationalsozialismus bewusst, gezielt und nach strengen Regeln ihrer Existenz und ihres Lebens beraubt wurden, wie eine totale Staatlichkeit sie von dem entfernte, was den Menschen zum Menschen macht.

Erklärtermaßen zielte der NS-Terror darauf ab, die Millionen der von ihm Verfolgten, Vertriebenen, Deportierten und Ermordeten aus der fortlaufenden Menschheitschronik zu löschen, so als hätte es sie nie gegeben. Sich dem zu widersetzen, sie der Vergessenheit wieder zu entreißen, ihre Namen zu nennen und ihrem Leid sinnfälligen Ausdruck zu verleihen, ist ein erster Schritt zu postumer Gerechtigkeit. Er führt aus der Anonymität in die Würde des einzelnen Menschen zurück.

Meist vor dem letzten, frei gewählten Wohnort der Opfer folgt diesem Motiv das Kunst- und Gedenkprojekt Stolpersteine. Ins Leben gerufen wurde es vor über drei Jahrzehnten von Gunter Demnig. Die Idee kleiner Gedenktafeln aus Messing – mit Betonwürfeln in Pflaster und Gehwege eingelassen – wurde europaweit schon mehr als 120.000 Mal umgesetzt und gilt als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Seine Dynamik bezieht es aus Wurzelwerken der Regionalforschung, in denen die Verantwortungsübernahme durch die Zivilgesellschaft, durch lokale Initiativen, durch Geschichtswerkstätten und Einzelpersonen auch über den jeweiligen Gedenkort hinaus Ausstrahlungskraft entfaltet. Indem er wiedergewonnene Erinnerung sichtbar macht, ist jeder Stolperstein zugleich ein Appell, den Kreis der Recherchen auf weitere Aspekte von nationalsozialistischem Unrecht auszudehnen.

Wie die Perspektive sich dergestalt von Projekt zu Projekt weitet, wie bislang wenig beachtete Opfergruppen in den Blick geraten, wie mörderische Unterdrückungszusammenhänge rekonstruierbar werden – auf all dies verweisen jetzt 24 Stolpersteine, die am 2. Juni 2026 vor der Kostheimer Straße 9 in Frankfurt am Main verlegt wurden. Sie nennen die Namen, Geburts- und Sterbedaten von 24 Säuglingen und Kleinkindern, deren Lebensspanne im Durchschnitt nicht länger als sieben Monate währte. Ergänzt wird das Ensemble durch eine Stolperschwelle, auf der sich folgender Hinweis findet:

„Hier war das Zwangsarbeitslager der ‚arisierten‘ Schuhfabrik J.C.A. Schneider
1942-1944 wurden hier und später auf dem Werksgelände neugeborene Kinder
von Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine, Russland, Litauen untergebracht
vernachlässigt, unterernährt — ermordet.“

Was die menschenverachtende Sprache der Nazis als ‚Ausländerkinderpflegeheim‘ titulierte, war ein Ort des Grauens, der Qual und des Sterbens. Dass man an ihm und seinen Opfern nicht mehr ohne weiteres vorbeikommt, verdankt sich dem Engagement einer Arbeitsgruppe um Helga Roos, Daniela Hartmann, Jannis Plastargias, Eva Mauch und Sarah Bender. Sie haben diese Stolpersteinverlegung initiiert, über Jahre hinweg inhaltlich und materiell in die Wege geleitet, sich mit Forschenden in anderen Städten vernetzt, Allianzen mit Gleichgesinnten geschmiedet, bei Stadtteilgremien interveniert. Und sie haben eine Broschüre veröffentlicht – Ihr Tod wurde nicht nur in Kauf genommen, er war gewollt! Die Kinder im NS-Zwangsarbeiterinnenlager Kostheimer Straße 9 –, in der sie die Motive und Ergebnisse, die Kontexte und Weichenstellungen ihrer gemeinschaftlichen Recherchen dokumentieren.

1. Antisemitische Raubzüge. Die Kostheimer Straße liegt im Frankfurter Gallus, einem Stadtteil von ehemals großer industrieller Wirtschaftskraft. Daran hatten auch zahlreiche Unternehmen Anteil, die von jüdischen Inhabern geleitet wurden. Zu ihnen gehörte die Schuhfabrik J.C.A. Schneider (JCAS; im Volksmund: ‚Schlappeschneider‘). JCAS war seit 1914 im Stadtteil ansässig, mit über 3.000 Beschäftigten weltweit größter Hersteller von Hausschuhen, ein international agierendes Unternehmen mit Zweigwerken und Kooperationsbetrieben in Holland und Belgien, zudem wichtigster Sponsor des Fußballvereins Eintracht Frankfurt (daher im Volksmund: ‚Schlappekicker‘). In den Repressalien, denen JCAS seit 1933 ausgesetzt war, flossen Antisemitismus und Bereicherungsstreben von NS-Parteigrößen strategisch zusammen. Im Zuge des staatlich inszenierten Novemberpogroms 1938 wurden die Inhaber Fritz und Lothar Adler schließlich gezwungen, ihr Unternehmen nebst sämtlichen Besitztümern weit unter Wert zu veräußern. Hauptprofiteur der von ihm, seinem Strohmann und der Dresdner Bank eingefädelten Enteignung war NSDAP-Gauwirtschaftsberater Karl Eckardt. Er wurde umgehend zum neuen Generaldirektor und ‚Betriebsführer‘ von JCAS ernannt – einer von vielen hochdotierten Posten, die Eckardt sich im Laufe der Naziherrschaft zusammenraubte. An die Brüder Adler und ihre Ehefrauen Brunhilde und Ellen erinnert seit dem 16. Mai 2023 ein Stolperstein-Ensemble vor der Mainzer Landstraße 291, dem ehemaligen Sitz des 1944 kriegszerstörten JCAS-Hauptwerkes. Dieser Stolpersteinverlegung war ebenfalls eine intensive Spurensuche vorangegangen, an der sich u.a. das Eintracht Frankfurt Museum beteiligt hatte. Hieran knüpfen jetzt Helga Roos, Daniela Hartmann, Jannis Plastargias, Eva Mauch und Sarah Bender mit ihrem neuen Recherchekollektiv an: „Nach den jüdischen Eintracht-Fußballern, den JCAS-Angestellten, den Inhaberfamilien, ihren Frankfurter Geschäftspartnern, sind die Kinder nun die fünfte Opfergruppe, der wir im Zusammenhang mit JCAS gedenken“ (S. 15).

Stolpersteinverlegung am 16.05.2023 in Frankfurt am Main für die Brüder Adler und ihre Ehefrauen (Mainzer Landstraße 291, vor dem ehemaligen Hauptwerk der Schuhfabrik J.C.A. Schneider); Foto: Privat

2. Rassistische Kriegswirtschaft. Zwangsarbeit, administriert im Zusammenwirken von Staatsbehörden, SS, Wehrmacht und Wirtschaftsunternehmen, war eine tragende Säule der nationalsozialistischen Kriegsführung. Ohne sie hätte Nazideutschland den von ihm entfesselten Zweiten Weltkrieg niemals bis 1945 fortsetzen können. Insgesamt waren etwa 13 Millionen Menschen, u.a. Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge, von dieser Form systematischer Ausbeutung betroffen. Besonders während der letzten Kriegsjahre eskalierte die massenhafte Verschleppung von Arbeitskräften aus den überfallenen Ländern. So waren 1944 im Deutschen Reich, vor allem in der Rüstungsindustrie und im Agrarsektor, ca. 6 Millionen zivile Zwangsarbeitende eingesetzt, darunter knapp 2 Millionen Frauen. Die Mehrzahl von ihnen stammte aus der Sowjetunion oder aus Polen und wurde durch sichtbar zu tragende Stoffabzeichen (‚OST‘ für ‚Ostarbeiter‘; ‚P‘ für ‚Polen‘) auf die unterste Hierarchiestufe der Arbeitssklaven verwiesen. Ein rassistisch entgrenztes Profitkalkül entzog ihnen selbst die fundamentalsten Existenzrechte: „Sie wurden demütigend und gewaltvoll behandelt, schlecht ernährt und erhielten keinerlei Lohn, während sie ganztägig Schwerstarbeit leisten mussten. Dabei wurden sie in Lagern unter schlechtesten hygienischen Bedingungen eingepfercht. Sie galten als ‚slawische Untermenschen‘ und waren systematischer Entmenschlichung unterworfen. Ihr Wert maß sich ausschließlich an ihrer Arbeitskraft“ (S. 22 f.). Auch in Frankfurt am Main gehörte Zwangsarbeit flächendeckend und für alle sichtbar zum urbanen Alltag. JCAS, nunmehr unter Nazi-Leitung stehend und seit 1939 für die deutsche Armee produzierend, machte hiervon keine Ausnahme. Zwar lieferte selbst mühevollste Detektivarbeit kein Gesamtbild. Dennoch gelang es dem Recherchekollektiv, die Namen von zumindest 130 Frauen und 124 Männern nebst deren Zwangsarbeitszeiten bei JCAS zu ermitteln. Die fragmentarischen Quellen belegen für diese 254 Menschen neun verschiedene Herkunftsländer; die meisten von ihnen kamen aus Belgien und aus Ländern der Sowjetunion, hier mehrheitlich aus der Ukraine.

3. NS-Bevölkerungspolitik und Zwangsarbeit. Geschlechtsspezifisch schwebten Zwangsarbeiterinnen in zusätzlicher Gefahr. Die paranoide, auf Vernichtung abzielende Rassenideologie der Nazis hatte eine Minimierung ‚fremdvölkischer‘ Populationszuwächse zur Staatsdoktrin erhoben. Aus ökonomischem Kalkül wurden schwangere Zwangsarbeiterinnen ab Ende 1942 zwar nicht mehr in ihre Heimatländer zurückgeschickt. Ihre Körper und ihre Reproduktionskraft wurden jetzt aber zu Objekten eines bürokratisch streng geregelten Ablaufs, in dem es wiederum Schwangere aus der Sowjetunion und aus Polen waren, die am meisten zu leiden hatten. Separate Durchgangslager für Abtreibungen und Geburten wurden von den zuständigen Gauarbeitsämtern betrieben. Für Kurhessen und Rhein-Main waren dies Lager Pfaffenwald und Lager Kelsterbach. Unter katastrophalen Bedingungen fanden dort Geburten statt, bis zum sechsten Monat hinein wurden Zwangsabtreibungen vorgenommen, belegt sind tödliche Medizinversuche an Kleinkindern. Allein für Pfaffenwald „[…] registrierte das Standesamt von September 1942 bis März 1945 insgesamt 750 Geburten sowjetischer und polnischer Kinder sowie den Tod von 52 Säuglingen und ihrer Mütter. Es ist aber davon auszugehen, dass diese Zahlen weit untertrieben sind, wie auch die Zahlen der Frauen, die die Schwangerschaftsunterbrechungen nicht überlebten. […] Für beide Lager ist darüber hinaus nachgewiesen, dass Verantwortliche der Arbeitsamtsbürokratie bei überfüllten Lagern die Verlegung von vorwiegend tuberkulosekranken Patient:innen in die Tötungsanstalt Hadamar veranlassten – namentlich Ernst Kretschmann, Präsident des Landesarbeitsamtes Hessen[,] und Dr. Hans Welcker, leitender Arzt des NS-Landesarbeitsamts Hessen“ (S. 30 f.). Nach erfolgter Geburt waren die Frauen schnellstmöglich der Kapitalverwertung wieder zuzuführen. Gemeinsam mit ihren Säuglingen wurden sie an Einsatzorte überstellt, die über sog. ‚Ausländerkinderpflegeheime‘ verfügten, wie es bei JCAS das Lager in der Kostheimer Straße 9 war. In einem System des staatlich organisierten Entzugs von Überlebensgrundlagen erhielten hier die Kinder osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen eine nur völlig unzureichende Versorgung, während ihre Mütter täglich 10 bis 12 Stunden Schwerstarbeit leisten mussten und selbst schlimmster Mangelernährung ausgesetzt waren.

Stolpersteinverlegung am 02.06.2026 in Frankfurt am Main für 24 ermordete Kinder (Kostheimer Straße 9, vor dem ehemaligen NS-Zwangsarbeiterinnenlager); Foto: Privat

4. Jüngste und wehrloseste Opfer. Die unzähligen Lager für Zwangsarbeitende waren in Frankfurt am Main nahezu über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Das Gelände an der Kostheimer Straße 9, ursprünglich von der Katholischen Gemeinde St. Gallus für die Kinder- und Jugendarbeit genutzt, hatten die Nationalsozialisten 1941 beschlagnahmt. Unter dem menschenverachtenden Regiment von Lagerleiter Adam Brand wurde die ehemalige Jugendhalle „[…] zu einem JCAS zugeordneten Zwangsarbeiterlager für Frauen – zunächst für Frauen aus Belgien, ab November 1942 diente sie als Sterbelager für die Kinder von Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine, Russland, Belarus, Polen und Litauen“ (S. 34). Aus dem Dunkel der noch existierenden Aktenbestände und Meldedateien konnte das Recherchekollektiv die Namen von 50 dieser Kinder ans Licht bringen. 26 von ihnen waren im Lager Pfaffenwald geboren worden, für 24 sind in Sterbeurkunden, Krankenhaus- oder Friedhofslisten der Zeitpunkt und Grund des Ablebens aufgeführt. „Letztlich wissen wir aber nicht, ob die angegebenen Befunde die tatsächlichen Todesursachen waren. Sprachregelungen wie ‚Herz- und Kreislaufschwäche‘, ‚Herzmuskellähmung‘, ‚Lebensschwäche‘ sind nationalsozialistische Sprachregelungen, die die Tatsache, dass der Tod gewollt war, verschleiern soll[ten]“ (S. 37). Die Namen dieser 24 Kinder seien hier stellvertretend für alle genannt, die im Lager Kostheimer Straße 9 oder in anderen JCAS-Lagern erniedrigt, gequält und ermordet wurden:


Genrik Alexjuk (auch: Heinrich Alejuk), 22.01.1943 – 21.12.1943.
Walestrina Coinewska, 20.12.1943 – 04.03.1944.
Nina Elissew, 12.01.1943 – 08.06.1943.
Lidia (auch: Lydia) Erochin, 12.01.1943 – 11.03.1943.
Wiljare Happarino, 10.02.1943 – 16.12.1943.
Anna Hontschar (auch: Honschtar), 03.12.1943 – 16.12.1943.
Nikolai Jastremska (auch: Jastremskaya), 11.12.1943 – 22.07.1944.
Pjotr Kusmina, 15.10.1943 – 10.12.1943.
Alexander Luzenko (auch: Luzenk, Lusenko), 18.02.1943 – 11.12.1943.
Tolja Nikonorowa, 20.01.1943 – 04.07.1943.
Ewgeni Posulikin, 09.09.1943 – 07.02.1944.
Halina Sawizka (auch: Galina, auch: Sawicka), 17.07.1944 – 17.10.1944.
Tatiana Schitkowa (auch: Schitkow), 04.01.1943 – 11.10.1943.
Igor Sitnik (auch: Sitnig), 09.01.1944 – 05.09.1944.
Wiljade Kapariew, 11.11.1944 – 24.03.1945.
Volotja Knap, 10.01.1943 – 19.02.1945.
Viktor Poschewaj (auch: Poschewei, Posewaj), 17.08.1944 – 06.12.1944.
Anna Degis, 15.09.1944 – 04.12.1944.
Viktor Gluschkowa, 17.07.1944 – 15.02.1945.
Geslaw (auch: Zezlaw) Joteiko, 30.11.1944 – 04.12.1944.
Janina Kalakowska, 07.02.1944 – 04.03.1945.
Raisa (auch: Raja) Kusmenko, 23.09.1944 – 15.02.1945.
Gala (auch: Gerta) Schtschepko, 10.07.1943 – 27.02.1945.
Genadi Schumilin, 02.08.1944 – 21.03.1945.


Mitten in Frankfurt am Main, während die Stadt ihren Alltag weiterlebte, litten und starben diese 24 Kinder. Ergänzend zu den am 2. Juni 2026 verlegten Stolpersteinen sind ihre kurzen Leben und die Biographien ihrer Eltern jetzt in der vorliegenden Broschüre weitest möglich aufgearbeitet (S. 50-61).

Ein Anhang legt Fährten für die weitergehende Spurensuche, weist Herkunft und Verwendung der Quellen nach (S. 64-69). Dabei – und das betonen Helga Roos, Daniela Hartmann, Jannis Plastargias, Eva Mauch und Sarah Bender nachdrücklich – waren Einrichtungen wie die Arolsen Archives, das Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main oder das Hessische Staatsarchiv Marburg wesentliche, aber bei weitem nicht ihre einzigen Anlaufstellen: „Während wir in Frankfurt forschten, stießen wir auf eine Parallele. In Hamburg suchte die Psychologin Margot Löhr auf dem Ohlsdorfer Friedhof zwischen verwitterten Grabplatten nach Namen. Ihre Entdeckung – Kinder, deren Adresse nur ‚Lager‘ lautete – zeigte ein ähnliches Bild: von wegschauenden Ärzten, von einer Gesellschaft, die das Leid kannte und dennoch schwieg. Diese doppelte Spur erschütterte uns. Sie machte klar: Kostheimer Straße 9 war kein bedauerlicher Einzelfall. Das Lager gehörte zu einem System. Die Opfer dieses Systems sind bis heute oft namenlos – eine Zahl in der Statistik. Dagegen wollen wir etwas tun“ (S. 4 f.).

Helga Roos, Daniela Hartmann, Jannis Plastargias, Eva Mauch und Sarah Bender verstehen ihren Forschungsbeitrag als einen Beginn. Und sie begreifen ihn als Auftrag an uns, den Staffelstab zu übernehmen und selbst aktiv zu werden.

Druckbild, Grafik und Design sind von Anja Feix ansprechend gestaltet. Auch vor ihrer Arbeit verneigen wir uns und wünschen dieser Broschüre weite Verbreitung.

Weiterführende Literatur (Auswahl)

  • Brüntrup, Marcel: Zwischen Arbeitseinsatz und Rassenpolitik. Die Kinder osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen und die Praxis der Zwangsabtreibungen im Nationalsozialismus, Göttingen: Wallstein-Verlag, 2024.
  • Henning, Markus: Der antisemitische Novemberpogrom 1938 – Täter und Opfer aus dem Gallusviertel, 2 Teile, in: Die Geschichtswerkstatt Gallus berichtet. Historisches und Aktuelles, Frankfurt am Main, Nr. 71 / November 2018 und Nr. 74 / Februar 2019.
  • Hohlmann, Susanne: Pfaffenwald. Sterbe- und Geburtenlager 1942 – 1945, Kassel: Gesamthochschule Kassel, 1984 (= Nationalsozialismus in Nordhessen. Schriften zur regionalen Zeitgeschichte; 2), (online | PDF).
  • LaG-Magazin. Lernen aus der Geschichte: Gesellschaftsverbrechen. NS-Zwangsarbeit. Ereignis und Erinnerung, Berlin: Agentur für Bildung, Geschichte und Politik e.V., 01.07.2026 (online | PDF).
  • Löhr, Margot: Die vergessenen Kinder von Zwangsarbeiterinnen in Hamburg – ermordet durch Vernachlässigung und Unterernährung. Ein Gedenkbuch, 2 Bände, Hamburg: Landeszentrale für politische Bildung / Institut für Geschichte der deutschen Juden, 2020.
  • Nietzel, Benno: Handeln und Überleben. Jüdische Unternehmer aus Frankfurt am Main 1924 – 1964, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2012.
  • Roos, Helga: Schlappeschneider – Schlappekicker. Stolpersteine erinnern, in: Die Geschichtswerkstatt Gallus berichtet. Historisches und Aktuelles, Frankfurt am Main, Nr. 28 / April 2015.
  • Schlappeschneider – Schlappekicker. Das Ausstellungsmagazin. Eine Ausstellung zu J. & C.A. Schneider, 9. – 29. Juni 2008, Redaktion: Johanna Roos, Helga Roos, Bertan Tufan, Timo Wiegand und Christoph Safran, Frankfurt am Main: Selbstverlag, 2008.
  • Spoerer, Mark: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939 – 1945, Stuttgart / München: Deutsche Verlagsanstalt, 2001.
  • Thoma, Matthias: „Wir waren die Juddebube.“ Eintracht Frankfurt in der NS-Zeit, 2. Auflage, Göttingen: Verlag Die Werkstatt, 2009.
  • Wildt, Michael: Geschichte des Nationalsozialismus, Sonderausgabe für die Zentralen für politische Bildung in Deutschland, o.O.: 2008 [besonders Kapital 3.5: Volksgemeinschaft in Trümmern (S. 187-197)].