Rolf Raasch: Texte zum Neoanarchismus und andere Schriften, Bodenburg: Verlag Edition AV, 2026, ISBN 978-3-86841-341-0, 168 Seiten, 16,00 €
Rezension von Markus Henning

Hoffnung ist eine Kategorie des Handelns. Das gilt es zu betonen, gerade jetzt, wo das Autoritäre um sich greift, wo Faschismus erneut zur Herrschaft drängt und die Aussicht verfinstert. Schnell abgebrannte Wunderkerzen werden wohl kein Licht ins Dunkel bringen. Um die Zukunft wieder für Menschlichkeit und Mitwelt zu öffnen, ist vor allem eins gefragt: Ein langer Atem.
Auch in der anarchistischen Bewegung findet sich dieser meist nicht im Plakativen und Missionarischen, eher schon auf dem Feld der Alltagsentscheidungen. Häufig sind es die Introvertierten, die Bedächtigen und Beharrlichen, die Orientierung stiften und das Wirken für Emanzipation am Laufen halten. Mit aktiver Geduld, bei der es zwar auch um Theorien und Begriffe, vor allem aber um das Gestalten von Beziehungen geht. Und mit einer Ethik der Zurückhaltung, die trotz aller Entschiedenheit darum weiß, dass Hass hässlich und selbst wohlbegründeter Zorn die Stimme heiser macht.
Einer solchen Art, sich in der Welt zu bewegen und sich vom Lauf der Geschichte berühren zu lassen, begegnen wir jetzt im neuen Buch von Rolf Raasch. Es versammelt von ihm verfasste Stellungnahmen aus den letzten 35 Jahren. Über weite Strecken lesen sich diese Aufsätze, Nachrufe, Rezensionen und Filmkritiken wie ein Memoir. Sie machen historische Wirklichkeiten über Erfahrungen des Autors greifbar, verdichten seine autobiographische Spurensuche zum Epochenbild.
Rolf Raasch (geb. 1953) ist Soziologe und Sozialtherapeut aus Berlin. Hier, im Westteil der Stadt, wurde er vom antiautoritären Aufbruch am Ende der 1960er Jahre erfasst. Die Unbedingtheit, mit der im Zeichen von Herrschaftskritik gegen lähmende Verkrustungen in Gesellschaft, Kultur und Politik angestürmt wurde, verpuffte bei vielen dieser Generation recht bald, sah sich von neuem Autoritarismus über Bord geworfen oder strandete im Marsch durch Institutionen. Für Rolf Raasch hingegen wurde sie Weichenstellung und bleibender Anspruch zugleich. Als die Aktionseinheit der Außerparlamentarischen Opposition in der Nach-68er-Zeit zu bröckeln begann, gehörte er zu denen, die sich im Lager eines neu erstehenden Anarchismus wiederfanden. Dieser Neoanarchismus stellte weit mehr als seine klassischen Vorläufer darauf ab, die Selbstbefreiung im Hier und im Jetzt, also unverzüglich und ohne Vertagung beginnen zu lassen. Im Fokus stand das individuelle und gemeinschaftliche Sich-Ausprobieren, die Suche nach konkreten Lebens- wie Glücksmöglichkeiten jenseits von Zwang, jenseits von Hierarchien und Rollenklischees. Was für Rolf Raasch, damals noch als Lehrling, 1971 mit dem Beitritt zum Anarchistischen Arbeiterbund Berlin begann, ist bis heute Essenz seines Schaffens, sei es als Organisierender, als Verleger und Redakteur, als Referent oder Autor. Raaschs neues Buch Texte zum Neoanarchismus und andere Schriften bietet Gelegenheit, dieser Essenz nachzuspüren.

1. Konstellationen. Zwei Tendenzen kleideten die Anarchie in ein neues Gewand. Zunächst waren das die Verheißungen einer sich weltweit entfaltenden Jugendrevolte. Ein Großteil der Mitstreitenden im Netzwerk der neoanarchistischen Initiativen, der Hausbesetzungen und selbstverwalteten Begegnungsstätten, der Stadteil-, Basis- und Betriebsgruppen entstammte – so wie Rolf Raasch selbst – aus proletarischen Milieus. Für diese jungen Menschen vermittelte sich Emanzipation ganz wesentlich über das Zusammenspiel von Subkultur und sozialrevolutionärem Aktivismus. Neben Demonstrationen und Straßenkämpfen wurde das Happening stilprägend, so wie es die Westberliner Kommune 1 ab 1967 popularisiert hatte. Mit ihm brach das Überraschende in eine ansonsten regeldominierte Welt ein, stellte gegebene Ordnungen und Überzeugungen in Frage, forderte die bestehenden Verhältnisse heraus. Das Außerkraftsetzen von Grenzen und Tabus schloss eine Innovation ästhetischer und musikalischer Ausdrucksformen ebenso ein wie Experimente des Psychedelischen. „Besonders der LSD-Konsum galt als neuer Weg zum eigentlichen Ich und zur Heilung der – durch eine im Nationalsozialismus sozialisierte Elterngeneration vermittelten – verklemmten autoritären bürgerlichen Psyche. Zwar hat sich heute die Einschätzung des Drogenkonsums weitgehend geändert. Aber damals standen seine Problematik und negativen Seiten noch nicht im Vordergrund. Man sah eher die Möglichkeiten eines neuen und anderen Erfahrungshorizonts“ (S. 17). Des Weiteren – und diese zweite Tendenz war die Folgenreichere – trieb die Renaissance des Anarchismus neue Infrastrukturen der Publizistik hervor. In beachtlichen Auflagenhöhen wurden aus der Szene heraus Zeitungen, Broschüren und Bücher produziert, die das Wiederentdecken eigener Traditionslinien in Gang setzten, um Antworten auf die Gegenwart zu finden. Zu den Vorreitern für viele ähnliche Projekte zählte das Verleger-Ehepaar Karin und Bernd Kramer (1939-2014 bzw. 1940-2014). „Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre bildete der Verlag das gesamte und vielseitige gedankliche Spektrum des deutschsprachigen Neoanarchismus ab. Die ideelle Spannweite und intellektuelle Qualität des Karin-Kramer-Verlages und des Neoanarchismus war aus heutiger Sicht enorm und wurde meiner Meinung nach später auch nie wieder erreicht“ (S. 30 f.). Zu den prägenden Persönlichkeiten gehörten aber auch Urgesteine aus Vorgängerbewegungen wie der Anarchosyndikalist Fritz Scherer (1903-1988) oder der libertäre Realist Uwe Timm (1932-2014). Rolf Raasch fängt auch seine Begegnungen mit diesen beiden ein und bringt sie anekdotenreich zum Leuchten. Der generationsübergreifende Austausch öffnete bei den Jungen die Neugier, den Blick und das Verständnis für die gelebte Anarchie der Altvorderen. Und er beförderte die Loslösung des Neoanarchismus von marxistischen Denkstrukturen, die noch eine Zeitlang von Universitäten und Hochschulen auf ihn ausgestrahlt hatten.
2. Reflektionen. Was als Revolutionsromantik ins Leere lief, erlangte Wirksamkeit im Pragmatischen. Während der 1970er und 1980er Jahre – bis zum Ende dieses Doppeljahrzehnts datiert Rolf Raasch die eigentliche Ära des Neoanarchismus – wanderten Protest und Widerstand in den Alltag ein, entfaltete sich das Ethos einer modernen Zivilgesellschaft. Getragen wurde es von den sog. Neuen Sozialen Bewegungen, in deren Wertekanon neoanarchistisches Engagement eigene Impulse eingewoben hatte: Dezentralität und Selbstverwaltung, gewaltfreier Ungehorsam, Rotation von Aufgaben und Funktionen, Ablehnung von Über- und Unterordnung. Ohne explizit im Zeichen des Anarchismus zu stehen, wurden anarchische Prinzipien handlungsleitend im Eintreten für Ökologie und Alternativwirtschaft, im Ringen um Geschlechtergerechtigkeit und Homosexuellenbefreiung, im Kampf gegen Krieg und Großtechnologie. Wird sein Einsickern in einen allgemeinen Demokratisierungsprozess als Vermächtnis des Neoanarchismus ernstgenommen, zeigt sich auch Vieles an Vorgedachtem in neuem Licht. Die Reihe der Autor:innen, die Rolf Raasch aus dieser Perspektive diskutiert, reicht von Élisée Reclus (1830-1905), über Gustav Landauer (1870-1919) und Hannah Arendt (1906-1975), bis zu David Graeber (1961-2020). Sie alle versuchten zu ihrer Zeit und auf je eigene Art, das Nachdenken über Gesellschaftstransformation zu neuer Beweglichkeit anzustiften. Ihr Opponieren gegen Staatsstreich und Zentralismus war empirisch motiviert. Die emanzipatorischen Gehalte von Revolutionen waren immer dann am wirksamsten, wenn die Agierenden bereits weit im Vorfeld damit begonnen hatten, Beziehungen von Gleichberechtigung und Herrschaftsfreiheit in der Alltagspraxis einzuüben. Bei der Rückbindung zukünftiger Umbrüche an das Handeln im Gegenwärtigen bleibt Rolf Raasch allerdings nicht stehen. Ihn interessiert die Tragfähigkeit der Umbruchsidee selbst. „Es stellt sich überhaupt grundsätzlich die Frage, ob Anarchismus als eine auf die Gesamtgesellschaft zielende politische Theorie überhaupt angemessen ist. So verstanden würde er zum Totalitarismus mutieren und nicht in der Lage sein, die typische gesellschaftliche Vielfalt zu berücksichtigen“ (S. 12). Entschiedener kann die Abkehr vom Garten Eden kaum formuliert werden. So wie die schematische Gegenüberstellung von Evolution und Revolution aufgehoben ist, so wird aus Anarchie eine Sache der Diesseitigkeit, die auf konkrete Interessen wie Problemlagen orientiert und stets aufs Neue auslotet, was in historischen Situationen unter Gleichen und Freien lebbar ist. „Revolutionäre Veränderung geschieht ständig und überall und jeder spielt darin eine Rolle, ob bewusst oder unbewusst“ (S. 67).

3. Interventionen. Seit den 1990er Jahren hat neoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik die Karten nicht nur neu gemischt, sondern auch sämtliche Trümpfe an die ohnehin Mächtigen verteilt. Im Ergebnis konfrontiert uns das entfesselte Zerstörungspotential von Nationalstaaten, Kapitalismus und Fossilität mit der Zerbrechlichkeit der Welt. Wie lassen sich die Risse kitten, bevor sie sich zu Abgründen weiten? Und wie lässt sich das Zusammenfügen der Scherben mit strukturellem Neubeginn verbinden? Ein Anarchismus, der sich als Realutopie und ethisch begründete Lebensform begreift, hat sich diesen Fragen zu stellen. Rolf Raasch tut das seit Langem, indem er ebenso behutsam wie zielgerichtet aus dem Fundus anarchistischer Theorie und Praxis schöpft. Schon im Januar 1990 etwa bringt er wiederum Gustav Landauer in die Debatte ein. Dessen Leitbild eines föderativen Gemeindesozialismus hätte den Möglichkeitsraum füllen können, der in der DDR gerade durch die friedliche Revolution geschaffen worden war. Später macht Raasch Anleihen beim Geographen, Evolutionsforscher und kommunistischen Anarchisten Peter Kropotkin (1842-1921). Dabei geht es um Tierbefreiung und Klimakatastrophe. Für den Umgang mit Pandemiefolgen schlägt Raasch die Entfaltung solidarischer Wirtschaftsmodelle vor, wobei er konkret für Genossenschaften und Freiwirtschaft plädiert. Engagement aus der Zivilgesellschaft gegen die aktuell tödlichste Staatengrenze der Welt erschließt er uns über ein Seenotrettungsschiff, das seit August 2020 im Mittelmeer kreuzt. Benannt ist es nach der Kommunardin und Anarchistin Louise Michel (1830-1905): „Ihr jahrzehntelanges und unermüdliches Engagement für Freiheit und Gerechtigkeit motiviert auch heute noch Aktivist:innen, ihr Leben und ihre Freiheit im Einsatz für die Schwächsten zu riskieren“ (S. 151). Rolf Raasch nimmt uns mit in das von ihm viel bereiste Lateinamerika, berichtet von deutschsprachigen Anarcho-Exilanten in Brasilien, von Revolutionen in Mexiko und Guatemala. In verlässlicher Erzählhaltung lenkt er unsere Aufmerksamkeit auf Publizisten und Literaturgrößen des Kontinents, auf Ricardo Flores Magón (1873-1922), auf Mariano Azuela (1873-1952), auf B. Traven (ca. 1882-1969), auf Miguel Ángel Asturias (1899-1974) und auf Mario Vargas Llosa (1936-2025). Ein Panorama tut sich auf, das uns Blickwinkel des Globalen Südens nahebringt und das Kulturgut der Indigenen als Moment von Zukunftsfähigkeit konturiert. Grundlage aller Lösungsansätze für die Multikrisen der Gegenwart – darauf legt Rolf Raasch Nachdruck – sind die gemeinschaftsbezogenen Werte von Toleranz und Gewaltlosigkeit. „Wer das Selbstverständnis einer relativ freien und offenen Gesellschaft als schicksalhaft gegeben ansieht, verliert irgendwann seine Freiheit und auch die Demokratie, die wenigstens als kleinster gemeinsamer Nenner einer diversen Gesellschaft gewährleistet, dass beispielsweise […] diese Zeilen erscheinen können“ (S. 90).
Errungenschaften sind nie in Stein gemeißelt, sondern müssen stets neu verteidigt und ausgebaut werden. Das ist Teil der Suche nach einer Welt, in der alle so sein können, wie sie wollen. Rolf Raasch legt Fährten für diese Suche. Wir folgen ihm gerne, gerade weil er bei aller Weite seiner Interessensgebiete immer bei sich bleibt.
Texte zum Neoanarchismus und andere Schriften ist ein Buch, dem wir ein großes Publikum wünschen.