wespennest. zeitschrift für brauchbare texte und bilder, Nr. 187 / November 2024, Wien: Verein Gruppe Wespennest, ISBN 978-3-85458-187-1, 112 Seiten, Themenschwerpunkt: Verkehr, 14,00 €
Zeitschriftenrezension von Markus Henning

Die kulturelle Großwetterlage verheißt nichts Gutes. Sie ist grundiert von einem Verlust an Vorstellungskraft, der uns an die Pflöcke der Gegenwart bindet. Wo Utopielosigkeit die Zukunft verengt, tritt Nachlassverwaltung an die Stelle von Hoffnung, von Veränderungsbereitschaft und sozialem Zusammenhalt.
Jahrzehnte des Neoliberalismus haben Selbst- und Fremdbilder geformt. Das Erbe sind Individualitäten, denen das Gefühl der Verbundenheit ebenso jenseitig ist wie die Idee, anderen entgegenzukommen und Teil transformativer Gemeinschaft zu werden. Ellenbogenbewehrtes Vorteilsstreben hat die Hegemonie erobert und kanalisiert das Urteilsvermögen der in sich Verkümmerten. Schon mentalitätsmäßig von Teilhabe und gegenseitiger Hilfe abgeschnitten, bleibt ihrem Schutzbedürfnis – und selbst ihrer Revolte – nur das Anlehnen an äußere Autoritäten. Dergestalt düngen Privatisierung und Einsamkeit die Brutstätten des Neofaschismus. Die Krise der Imagination ist Moment einer Dynamik, die Demokratie, Menschlichkeit und biophysische Lebensgrundlagen in Trümmer zu legen droht.
Und doch gibt es keinen Grund, sich von Emanzipation und Weltrettung zu verabschieden. Sie sind in der Defensive. Sie sind auf Ritzen und Lücken der Herrschaftssysteme verwiesen. Aber sie sind noch da. Noch im Feststecken bewährt sich ihr Lebendigsein. Es ist die Vitalität von Überwinternden, die darauf lauern, ihr In-Beziehung-Stehen neu zu erfinden und aus dem Dagegen ein Darüber-Hinaus zu machen.
Wenn dies der Erwartungshorizont ist, dann wird das Wachküssen innerer Kreativität zu einer Praxis der Subversion. Welche Kulturtechnik wäre hierfür geeigneter als das Lesen? Und welches Genre passender als literarische Texte? Sind sie doch die Spezialdisziplin des Subjektiven.
Auf die so kenntlich gemachte Fährte setzt uns jetzt das Wiener wespennest. In ihm summt und brummt der Eigensinn essayistischer Selbstverständigung, und das seit mehr als fünf Jahrzehnten. wespennest ist ein ausdauerndes Text- und Bild-Laboratorium an den Schnittstellen von Kunst, Geistes- und Sozialwissenschaft. Seine 187. Ausgabe kreist um das Thema Verkehr.
Für diesen Schwerpunkt konnten insgesamt 16 Autor:innen gewonnen werden, deren kurze Abhandlungen romanlange Lichtkegel werfen. Was sie aus unterschiedlichen Perspektiven ausleuchten, ist das Dazwischen als Feld der Interaktion. Die Bedeutungsgehalte von Mobilität, die hierüber in den Blick geraten, stoßen von der Prozesshaftigkeit alles Seienden über spezifische Raumproduktionen bis ins Sozialökologische vor. Unser Denken selbst wird zu neuer Beweglichkeit angestiftet.
1) Verflechtungen. Wer Handlungsfähigkeit leugnet, hofiert den Tod. Daran erinnert uns Anne Sophie Meincke, Philosophin und Poetry-Slammerin (S. 48-52). Allem Statischen sagt sie schon deswegen den Kampf an, weil ein Leben ohne Stoffwechsel, ohne Geben und Nehmen, jenseits des Möglichen liegt. Noch in der Abgrenzung von Anderen sind wir auf sie bezogen und auf sie angewiesen. Das Miteinander-Verkehren ist Grund und Motor jedweder Existenz. „Wer ich bin und wer du bist, ist dabei nicht fix, sondern ändert sich ständig. Unsere je persönliche Identität ist eine Funktion (im mathematischen Sinne) unserer Beziehung zueinander, die wir mit jedem Tausch neu aushandeln. Wir gehen mir und dir immer voraus. […] An sich selbst zu arbeiten bedeutet für uns immer, an unseren Beziehungen arbeiten, und dabei offen zu bleiben für Verwandlung, wie radikal sie auch sein mag“ (S. 51 f.). Jede Begegnung auf Augenhöhe ist ein utopischer Beginn in den Kosmos der Herrschaftslosigkeit hinein. Die sich hierüber öffnenden Galaxien der Genüsse durchmisst die Sexologin und Lachforscherin Laura Méritt (S. 84-87). Viel zu lang haben die Strukturen von Patriarchat und Kapitalismus auch im Schlafzimmer gewirkt. Auflehnung kommt vom Berliner Freudenfluss-Netzwerk. Schon seit 2005 weckt es die Lebensgeister, feiert sexuelle Vielfalt und Lust für alle. Orgiastische Kampagnen werden zur Verkehrsform für Phantasie und Körper. Kommunikation mischt Anatomie und Kulturgeschichte auf. Sexpositiver Feminismus und schallendes Gelächter entspannen das Beziehungsgeflecht, vitalisieren es in neuen Perspektiven der Erfüllung. „Sprache ist auch eine Sexpraktik. […] Lasst Freuden fließen. Slow down and pleasure up!“ (S. 87). Beim Interpersonalen allerdings kann das Einfühlen nicht haltmachen. Zu wesentlich sind die Wechselwirkungen und Symbiosen mit Nichtmenschlichem, zu gewaltig die Zerstörungskraft, mit der instrumentell verkürzte Vernunft sämtliche Ökosysteme sprengt. Nina Klimburg-Witjes und Kai Stryker sind FutureSpace-Forschende aus Wien. Beide folgen der Beziehungsdynamik Mensch-Maschine-Müll, und das buchstäblich bis ins Firmament hinein (S. 80-83). Dem vermeintlichen Technikfortschritt tritt seine eigene Vergangenheit in den Weg – wie auf unserem Planeten, so auch auf seinen Umlaufbahnen. Als Materialisierung abgewälzter Folgekosten drehen Ballungen von Weltraumschrott ihre Runden im Orbit. Eine Gefahr für aktive Satelliten und Raumfahrtmissionen, die zukünftiges Ausgreifen nach den Sternen unmöglich zu machen droht. Je geringer der Atmosphärenwiderstand, desto ewigkeitsnäher die Halbwertszeiten. „So könnte unsere heutige Weltrauminfrastruktur ein Zeugnis unserer Existenz sein, wenn unsere Zivilisation schon lange von Staub und Asche begraben wurde. Oder am Klimawandel zugrunde gegangen ist. Oder von einem Meteorit ausgelöscht würde (worin einige Ironie läge)“ (S. 81).

2) Ablagerungen. Auf Erden sind es territoriale Grenzziehungen, die der Freizügigkeit entgegenstehen. Über Barrieren, die sie zwischen Innen und Außen errichten, exekutieren Nationalstaaten, wer eigen und wer fremd, wer berechtigt und wer rechtlos ist, wer bleiben darf und wer abgewiesen wird. Die hierin eingeschriebene Willkür produziert Zonen einer Gewalt, der Menschen auf ihrer Flucht vor Hunger, Krieg und Verfolgung schutzlos ausgeliefert sind. Um Staatsherrschaft nach dieser Seite hin auszuloten, begibt sich Filmemacher Jakob Brossmann auf ein Schiff der italienischen Küstenwache (S. 53-57). Hier, am Rande der EU, an der tödlichsten Grenze der Welt, irgendwo zwischen Libyen und Lampedusa, stellt das Angesicht der Opfer jede künstlerische Ambition infrage. „Politische Grenzen und das unermessliche Leid, das die mit ihnen verbundenen Grenzregime auslösen, gehören zu den größten Verbrechen unserer Gegenwart“ (S. 55). Lebensbedrohlich ist die Überwindung von Raumdistanzen aber auch innerhalb der Wohlstandsbastionen selbst. Der motorisierte Individualverkehr kostet allein in der EU pro Jahr rund 20.000 Menschenleben, dazu über 100.000 Schwerstverletzte. Wie fließt dieser Blutzoll in unseren Emotionshaushalt ein? Karin Nungeßer, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin, findet Antworten in der psychoanalytischen Trauma- und Verdrängungstheorie (S. 40-45). Die Permanenz der Unfallgefahr erfordert ihre Abspaltung aus unserem Bewusstsein. Im öffentlichen Raum, wie er über Jahrzehnte auf die Dominanz des Autos zugerichtet wurde, wären wir anderenfalls bewegungsunfähig. Das Unterschwellige und Verdrängte jedoch kehrt in entstellter Form als Teufelskreis wieder: Als verallgemeinerte Aggressivität, die den Temporausch noch mörderischer macht. „Wir wissen, dass wir einander dort potenziell den Tod bedeuten. Nirgendwo ist der Mensch dem Menschen so offenkundig Wolf wie im Straßenverkehr“ (S. 42). Architekturhistoriker Erik Wegerhoff erzählt die Geschichte automobiler Bewegung als Geschichte von Fahrbahnkonstruktionen (S. 34-39). Zum Massenkonsumgut konnte das Kfz nur über zielgerichteten Trassenbau werden. Dieser hatte nicht allein natürliche und bauliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen, sondern auch andere Verkehrsformen zu bannen. Und er hatte die Fahrbahndecke neu, und zwar widerstandsfähig und staubfrei, zu befestigen. Das Auto brachte Teer, Asphalt und Beton, es brachte flächendeckende Versiegelung in die Welt. „Wenn heute Entsiegelung das zentrale Schlagwort des zukünftigen Straßen- und Städtebaus ist, so wird das offensichtlich einhergehen müssen mit einem Abschied auch von dem Gefährt, das diesen neuen Boden unter den Reifen hervorbrachte“ (S. 38). Die Neujustierung ist gleichfalls ein egalitäres Projekt. Das arbeitet Katja Diehl heraus (S. 71-73). Als Verkehrswendeaktivistin weiß sie um den repressiven Gehalt der Autokultur. In vielen Regionen ist Mobilität ein zur zweiten Natur gewordenes Zwangssystem. Es schließt diejenigen vom guten Leben aus, die keinen Führerschein und Pkw mitbringen. Es nimmt jegliche Aufenthaltsqualität. Es macht Landschaften zu Transitorten und Wohnquartiere zu Abstellflächen für immer größere Fahrzeuge, die im Durchschnitt nur 45 Minuten täglich mit weniger als zwei Personen bewegt werden. „Gerechtigkeit sollte heute unter anderem bedeuten, Autos nur noch zu bauen, wenn sie effizient genutzt werden. […] Mit dem Autostraßenbau muss – auch ohne Klimakatastrophe – Schluss sein. Es müssen alle Ressourcen, von den finanziellen zu den personellen, investiert werden in alles von Fuß bis Bahn“ (S. 72 f.).

3) Wandlungen. Noch scheint die Vormacht des Autos ungebrochen. Und doch werden die Töne, die rechte Kulturkämpfer zu seiner Verteidigung anschlagen, immer schriller. Ein Zeichen dafür, dass dem herrschenden Mobilitätskonzept die Sachargumente ausgehen. Die Unterminierung automobiler Überzeugungen hat Fahrt aufgenommen. Humangeograph Maximilian Horr führt das zurück auf die Sozialpraxis urbanen Radelns (S. 66-70). Eine wachsende Gemeinschaft von Radfahrenden lebt neue Respektformen für das Klima und für die Platzkapazitäten dicht besiedelter Städte. „Die rasante Ausdifferenzierung von Fahrrädern und Fahrradszenen und die fortwährende Ästhetisierung sowie Lebensstilisierung des Fahrrads zeugen von dessen symbolischer Aufwertung. Solche Moden und Trends haben die Tendenz, sich zu verbreiten – von den kulturellen Zentren in die Peripherie und von den kulturellen Eliten in die breite Bevölkerung“ (S. 70). Die Ablösung der Zwangsmobilität setzt voraus, dass Verkehrsverlagerung mit Verkehrsvermeidung zusammenfließt. Für Dezentralisierung und Aufwertung des Nahräumlichen plädiert Sonja Schnögl, Fachfrau für Stadtentwicklung und Partizipation (S. 88 f.). Ihr Ansatz zielt auf durchmischte Quartiere mit ausreichend Gärten und Grünflächen, Spiel- und Arbeitsplätzen, Kultur- und Freizeitangeboten. Dies alles, sowie sämtliche Versorgungsleistungen, sollen fußläufig in maximal einer Viertelstunde erreichbar sein. Experimentelle Vorwegnahmen bewähren sich schon jetzt als Inseln von Begegnung und Nachbarschaft, von Zeitgewinn, Entspannung und Engagement. Eingebunden in umweltverträglichen Nah- und Fernverkehr konturieren 15-Minuten-Städte ein Zukunftsbild von Bleibefreiheit und Bewegungslust. Leitplanken einer solchen Mobilitätsutopie diskutiert Johannes Schmidl aus der Perspektive des beruflich mit der Energiewende Befassten (S. 74-79). Wie sich selbst Großtransporte klimaneutral bewältigen lassen, entschlüsselt sich im Anknüpfen an alte Technologien (Luftschiffe mit Photovoltaik-Anlagen; Hybrid-Segler auf Basis erneuerbarer Energien). Der Ressourcenverbrauch fürs Reisen wiederum steht in umgekehrtem Verhältnis zur Lebensqualität unserer Alltagsorte. In kooperativer Entscheidungsfindung wären sie so zu gestalten, dass wir nicht bei jeder Gelegenheit daraus flüchten müssen. Dafür aber – und das betont Friedrich von Borries im Gespräch mit wespennest-Redakteur Ilija Trojanow – müssen wir uns vom Dogma des Funktionalismus befreien (S. 90-95). Als Gegenwartsanalytiker und Zukunftsvisionär agiert Friedrich von Borries in den Grenzbereichen von Urbanistik, Architektur, Design und Kunst. Er stellt ab auf eine Sensibilität für lebensweltliche Prozesse. „Was man damit stark macht, ist der Zeitaspekt von Mobilität – es verändert sich etwas über die Zeit – und nicht den Aspekt der Veränderung einer Lokation im Raum. Der Fokus liegt darauf, sich Zeit zu nehmen, die Zeit zu dehnen“ (S. 94). Bedeutsam ist das Offenhalten von städtischen Brachflächen, die als Projektionsräume zum Tagträumen und zur Imagination einladen. Die utopische Kraft dieser Form von Unterwegssein legt die Basis für eine Philosophie der Folgenlosigkeit. Ihre Kernempfehlung lautet, gewisse Dinge einfach nicht zu machen: „Nein, der Weg ist gar nicht das Ziel, sondern da, wo du bist, ist das Ziel. Du bist schon am Ziel. Du bist schon längst am Ziel gewesen“ (S. 95).
Unser Gesichtsfeld kann nur in und von uns selbst geweitet werden. Deswegen brauchen wir Inspirationsquellen wie das wespennest. In seiner 187. Ausgabe spiegelt sich die Welt des Verkehrs wie in einem Wassertropfen. Er zeigt Facetten einer Zukunft, die in unseren Beziehungen entsteht und sich in unseren Entscheidungen entfaltet.
Wir wünschen diesem Themenheft viel Erfolg und weite Verbreitung.
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Weiterführende Literatur
- Baier, Andrea / Müller, Christa / Werner, Karin (Hg.): Unterwegs in die Stadt der Zukunft. Urbane Gärten als Orte der Transformation, Bielefeld: transcript Verlag, 2024 (= Neue Ökologie; 11) [Rezension der AG Freiwirtschaft auf dieser Webseite (online)].
- Diehl, Katja: Autokorrektur. Mobilität für eine lebenswerte Welt, mit Illustrationen von Doris Reich, 3. Aufl., Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2022 [Rezension der AG Freiwirtschaft auf dieser Webseite (online)].
- Diehl, Katja: Raus aus der AUTOkratie – rein in die Mobilität von morgen!, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2024 [Rezension der AG Freiwirtschaft auf dieser Webseite (online)].
- Manderscheid, Katharina: Soziologie der Mobilität, Bielefeld: transcript Verlag, 2022 (= Einsichten. Themen der Soziologie; utb 5581) [Rezension der AG Freiwirtschaft auf dieser Webseite (online)].
- Mehr Demokratie e.V.: Was bewegt Berlin? Zukunft der Mobilität, Online-Talk zum Berliner Klima-Bürger:innenrat am 12. Mai 2022 [Veranstaltungsrezension der AG Freiwirtschaft auf dieser Webseite (online)].
- urbanista.ch (Hrsg.): Alles super? Wie Superblocks unsere Städte zu besseren Orten machen, Autor:innen: Thomas Hug, Sarah Bühler, Simon Eggimann, Anna Paulina Graf, Marion Zängerle, Lia Zinngrebe, Constanze Ackermann und Philipp Winter, München: oekom Verlag, 2024 (= Ein Diskussionsstoff von urbanista) [Rezension der AG Freiwirtschaft auf dieser Webseite (online)].