Martyna Linartas: Unverdiente Ungleichheit. Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann, Hamburg: Rowohlt Verlag, 2025, ISBN 978-3-498-00735-5, 320 Seiten, 24,00 €
Rezension von Markus Henning

Ohnmachtserfahrungen lassen sich leicht in autoritäre Phantasien, in Rassismus und Verschwörungsmythen umleiten. Der Zuspruch, den die Inszenierungen des Neofaschismus einheimsen, lässt daran keinen Zweifel. Hierzulande ist es die AfD, die nach politischer Herrschaft greift und die Gesellschaft in den Strudel der Barbarei zu reißen droht. Beim Dagegenstemmen kann es längst nicht mehr um idealistische Perfektion oder um Bewahrung der reinen Lehre gehen. So unentbehrlich Erwartungshorizonte der Utopie und Zukunftsbilder einer egalitären Herrschaftsfreiheit sind, sie allein werden das Schlimmste nicht verhindern können. An Stelle alter Gewissheiten ist die pragmatische Frage getreten, wie Menschen im Hier und Jetzt Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Routinen von Mitsprache und Mitgestaltung ausbilden können. Aufs Gleis von Emanzipation und Sozial-Ökologie kommt nur, wer im Bearbeiten von Fehlstrukturen immer auch Perspektiven der Teilhabe eröffnet.
Dergestalt am Konkreten setzt jetzt die Politikwissenschaftlerin Martyna Linartas (geb. 1990) an. Sie hat ein Buch im Rowohlt Verlag veröffentlicht, das den Titel trägt Unverdiente Ungleichheit. Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann.
Ihre Reformvorschläge – und dadurch werden sie anschlussfähig auch für weitergehende Transformationskonzepte – leitet Linartas aus einer umfassenden Hierarchiekritik ab: Die bestehende Gesellschaft ist durchzogen von einem Geflecht aus Über- und Unterordnungen, in dem Lebenschancen entlang gruppenbezogener Kategorien und Zuschreibungen verteilt werden. Ungleichheitsdimensionen wie Geschlecht, Hautfarbe, Religion, sexuelle Orientierung, Klasse und Herkunft, Flucht- und Migrationsgeschichte überschneiden sich untereinander, bringen Mehrfachbenachteiligungen hervor und verschränken sich zusätzlich mit wirtschaftlichen Asymmetrien. „Der Fachbegriff dafür heißt Intersektionalität. […] Durch das Prisma der Intersektionalität zu blicken bedeutet, die Achsen der sozialen Ungleichheiten zu demaskieren, die strukturell vorgeben, wer gesellschaftlich von Diskriminierung und Armut betroffen ist und wer wiederum Macht und Vermögen auf sich konzentriert“ (S. 24).
Geleitet von diesem analytischen Kompass, gestützt auf Empirie und eigene Feldforschung, durchmisst Martyna Linartas mit der Sozialstruktur Deutschlands eine der ungleichsten und sozial immobilsten Demokratien weltweit. Zwischen der verfestigten Marginalisierung von Vielen und dem Überreichtum von sehr Wenigen wächst seit Jahrzehnten die Kluft dramatisch an. Was die Narrative des Neoliberalismus Lügen straft, was den gesellschaftlichen Zusammenhalt untergräbt und die Klimakatastrophe anheizt, begreift Linartas als Auftrag zur Trendumkehr. Sie begibt sich auf die Suche nach gleichermaßen starken wie erreichbaren Hebeln gegen Abstiegsängste und Perspektivlosigkeit, gegen Passivität und Resignation.
1) Privilegienherrschaft. Wo Verwandtschaftsbeziehungen zum dominierenden Faktor im Wirtschaftsgeschehen werden, ist von einer Refeudalisierung zu sprechen. Für die einkommens- und vermögensbedingten Machtballungen in Deutschland ist eine solche Entwicklung statistisch aussagekräftig belegt. Die wohlhabendsten 10 Prozent der Bevölkerung verfügen inzwischen über 67 Prozent allen Vermögens. „Wer hierzulande zu den reichsten 1,5 Prozent der Bevölkerung zählt, gehört bereits zum Club der Millionäre. Das sind 1,6 Millionen Menschen. Die meisten von ihnen sind männlich (69 Prozent), über 50 Jahre alt (77 Prozent), weiß (86 Prozent haben keinen Migrationshintergrund) und überwiegend aus Westdeutschland (94 Prozent)“ (S. 29). Ganz oben stehen in Deutschland 249 Milliardäre, deren Gesamtvermögen laut Netzwerk Steuergerechtigkeit mindestens 1,4 Billionen Euro beträgt. Auch zur Struktur ihres Überreichtums lassen sich Aussagen treffen: Je größer die Vermögen sind, in desto höherem Maße bestehen sie aus dauerhaft hochrentablen Investments (vor allem Betriebsvermögen und vermietete Immobilien) relativ zu liquiden oder verzinslich angelegten Geldmitteln. Mittlerweile halten 141 überreiche Familien mit 186 Milliarden Euro mehr als 50 Prozent des gesamten Aktieneigentums. Während aktuell etwa 20 Prozent der Menschen in Deutschland unmittelbar von Armut betroffen oder bedroht sind und 40 Prozent aller Haushalte auf keinerlei Ersparnisse zurückgreifen können, verfügen die zwei reichsten Unternehmerdynastien des Landes über ein größeres Vermögen als die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung zusammen. „Wie eine Studie zeigt, hält sich Überreichtum in Deutschland hartnäckig in denselben Familien – und das trotz zweier Weltkriege, der Großen Depression, Regimewechsel und verschiedener Währungsreformen. Ein Drittel der Unternehmen, die mit den heutigen Vermögen der Überreichen in Verbindung gebracht werden können, wurde bereits vor dem Ersten Weltkrieg gegründet. Viele dieser Vermögen gehen damit einher, dass immense Teile auch oder vielmehr gerade in Zeiten des Nationalsozialismus angehäuft wurden“ (S. 37). Die Genese heutigen Reichtums gibt der Ungleichheitsforschung spezifische Fragen auf, die Martyna Linartas mit Nachdruck verfolgt. In den Blick rücken nicht allein die ökonomische Bedeutung, sondern auch die Legitimität von Erbschaften und Schenkungen als Mechanismen der Vermögensübertragung.

2) Lobbymacht. Was sich auf Strukturebene von einer Generation zur nächsten vermittelt, ist die Herrschaft petromaskuliner Vergangenheit über Gegenwart und Zukunft. Die Dynamiken der Einkommens- und Vermögenskonzentration, ihre Fortführung und Verschärfung durch Geerbtes oder Geschenktes, gehen einher mit einer Deklassierung von Mittelschichten und einer Aufstiegsblockierung für Unterklassen. Überreichtum ist mit Lebensstilen und Investitionsentscheidungen verwoben, die jeder Klimagerechtigkeit spotten. Seine Wirkungskanäle instrumentalisieren den Staat und höhlen die Legitimation repräsentativer Demokratie aus. Wohl nirgends ist die Einflussnahme auf parlamentarisch gewählte Entscheidungsträger für die Lobbyverbände der Vermögenselite so unmittelbar zielführend wie auf dem Feld der Steuergesetzgebung. Martyna Linartas zeichnet die Strategien, die Manöver und Resultate dieses zynischen Zusammenspiels über die Zeitläufe nach. Spätestens seit der Abkehr von keynesianisch-nachfrageorientierter Wirtschaftspolitik wurden Steuern in Deutschland schrittweise ihrer sozialen Ausgleichsfunktion entkleidet. „Auf den Lohn von Durchschnittsverdienerinnen entfallen im Jahr 2022 rund 48 Prozent Steuern und Abgaben. Wenn es um selbst erarbeitetes Einkommen geht, ist Deutschland somit ein Höchststeuerland. Wenn es aber um die sehr hohen Einkommen (sprich um Einkommen aus Vermögen), um Kapital und konkret um unverdientes Einkommen in Form von Erbschaften und Schenkungen geht, ist Deutschland ein Niedrigsteuerland“ (S. 80). Auf dem Weg dorthin wurde im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte der effektive Steuersatz für Überreiche mehr als halbiert. Ein Meilenstein war zweifellos das komplette Aussetzen der Vermögensteuer im Jahr 1997. Genauso wesentlich war die systematische Einführung von Verschonungsregeln in der Erbschaft- und Schenkungsteuer, insbesondere für die Übertragung von großen Betriebs- und Immobilienvermögen. Der reale Durchschnittssteuersatz für Erbschaften und Schenkungen liegt mittlerweile bei etwa 2 Prozent. Ab einem veranlagten Vermögen von 10 Millionen Euro wirkt die Erbschaftsteuer sogar regressiv. Die indirekte Subventionierung geht aber noch weiter: „40 Prozent aller Großerben, also jene Menschen, denen über 20 Millionen Euro in den Schoß fallen, zahlen in Deutschland keine Steuern“ (S. 86). Staatlich flankiert wächst die Größenordnung der hierzulande ererbten oder als Geschenk erhaltenen Vermögenswerte absolut und relativ an. Ihre Volumina addieren sich inzwischen auf eine Summe von etwa 400 Milliarden Euro pro Jahr. Stammten zu Beginn der 1970er-Jahre noch ca. 20 Prozent aller Vermögen direkt aus Erbschaften und Schenkungen, hat sich dieser Anteil bis heute auf über 50 Prozent erhöht. Im Segment der großen Milliardenvermögen sind es sogar 80 Prozent, Tendenz steigend.
3) Diskurse. Wie konnte die Entwicklung zur Erbengesellschaft sozialpsychologisch abgesichert werden? Welcher Art war der Grundkonsens, aus dem heute der Nährboden neofaschistischer Parteien erwächst? Martyna Linartas weitet den Erkenntnisraum vom Politökonomischen auf normative Denkfabriken, auf Paradigmen und Ideologien, auf das Zurichten von Öffentlichkeit. In Narrativanalysen sichtet sie Literatur und gräbt in Pressearchiven. Sie lässt Parteiprogramme Revue passieren, blickt auf Gesetzesentwürfe und Parlamentsdebatten zurück, führt Interviews mit DAX-Konzernvorständen. Der Epochenbruch, der mit dem Aufstieg des Neoliberalismus anhob, erschließt sich als kulturelles Syndrom. Vor annähernd einem halben Jahrhundert begannen marktfundamentale Diskurse die Gesellschaft zu durchsetzen, entfalteten Tiefenwirkung, verschoben Wertvorstellungen von Kooperation zu Konkurrenz, von Ganzheit zu Atomisierung. Herausgebildet wurde ein Weltverständnis, das die vereinzelten Einzelnen in demselben Maße auf sich selbst zurückwarf, wie es Strukturzusammenhänge aus dem Fokus nahm. Die Sicht der Profitierenden, wonach Mensch und Natur um der Wirtschaft willen existieren – und nicht etwa umgekehrt –, wuchs sich zur Rechtfertigungsformel für soziale Ungleichheit aus. Dass der individuelle Status im Gesellschaftsgefüge eigener Leistungsbereitschaft zu verdanken sei, ist als Zuschreibung von Verantwortlichkeiten bis heute wirkmächtig. So sehr das auch einer Realität widerspricht, in der es mittlerweile vor allem darauf ankommt, in welche Familie man hineingeboren wird. Das Auseinanderklaffen von kultureller Hegemonie und konkreter Lebenswirklichkeit gebiert seinerseits Ungeheuer der Weltgefährdung. Gleichwohl setzt Martyna Linartas Hoffnungen in eine gerechte, humane und selbstbestimmte Zukunft, die durch gemeinsames Handeln in der Welt erstehen kann. „Nachdem der Neoliberalismus die politische Bühne eingenommen hatte, wandelten sich in nur wenigen Jahren die Erzählungen, Überzeugungen und mit ihnen die Art und Weise unseres Denkens, Fühlens, der Politik. So fatal dies im ersten Moment erscheinen mag: Dieser Befund bedeutet im logischen Umkehrschluss, dass ein Wandel von Werten und Normen rascher vonstattengehen kann, als wir uns das vielleicht allgemeinhin vorstellen mögen“ (S. 277). Für den Anschub schlägt Linartas zwei sich ergänzende Maßnahmen vor: Einen Ausbau der Erbschaft- und Schenkungsteuer zum Instrument effektiver Rückverteilung und die Einführung eines Grunderbes, das ausnahmslos allen Menschen Selbstentfaltung ermöglicht.
4) Rückverteilung. Wer den Zeithorizont der Problemlagen verfehlt, erschöpft seine Lösungsversuche in vagen Zukunftsversprechen und überlässt das Feld den Feinden der Humanität. Eine Herausforderung, die kein Zuwarten mehr gestattet, ist der Ausgleich von Machtgefällen zwischen Arm und Reich. Als einer der diesbezüglich wichtigsten und stärksten Gerechtigkeitshebel lässt sich die steuerliche Behandlung von Erbschaften und Schenkungen identifizieren. Für die Folgerungen schürft Martyna Linartas u.a. aus einer Ahnenreihe britischer Ökonomen, die sie von Anthony Atkinson (1944-2017) über Nicholas Kaldor (1908-1986) bis zu John Stuart Mill (1806-1873) zurückverfolgt. Als Gegenmodell zu der in Deutschland etablierten Praxis können in einer ersten Annäherung zwei Essentials formuliert werden. Zum einen sind Sonderbehandlungen und Verschonungsregeln für große Erbschaften oder Schenkungen komplett abzuschaffen, egal welche Art von Vermögenswerten betroffen ist. Zum anderen muss die Erbschaft- und Schenkungsteuer progressiv wirken. „Progressiv bedeutet, dass der Steuersatz nicht einheitlich ist, sondern mit der Summe steigt. Wer mehr hat, zahlt also nicht nur absolut mehr, sondern auch prozentual. Diese Form der Steuergestaltung ist Ausdruck eines Grundprinzips unseres modernen Steuersystems: […] Wer mehr leisten kann und wer am meisten vom System profitiert, sollte auch mehr zum Gemeinwesen beitragen“ (S. 74). Im globalen Maßstab haben Großvermögen während der vergangenen vier Jahrzehnte Durchschnittsrenditen von 7 Prozent jährlich erzielt, haben sich durch den Zinseszins-Effekt somit alle zehn Jahre verdoppelt. Bei den Reallöhnen hingegen war hierzulande Stagnation oder ein nur kaum merklicher Anstieg zu beobachten. Daher ist es in der bestehenden Wirtschaftsordnung – also dort, wo Strukturkreativität heute einzuhaken hat, – „[…] eine Frage der mathematischen Logik, dass lediglich progressive Steuern gegen den Zinseszins, gegen eine auseinanderklaffende Schere von Vermögen eine Wirkung erzielen“ (S. 278 f.). Auch darüber hinaus lassen sich Stärkungsmaßnahmen für die Erbschaft- und Schenkungsteuer projektieren. Vorstellbar ist etwa, die Bemessungsgrundlage von der eigentlichen Erbschaft oder Schenkung auf das Gesamtvermögen des Empfängers auszudehnen. Die Spitzensteuersätze wären deutlich anzuheben. Außerdem müssten sie proportional zur Höhe der statistisch belegten Vermögensungleichheit dynamisiert werden. Ohne Frage sind derartige Vorschläge inspirierend und können einen Beitrag leisten, das exponentielle Wachstum von Überreichtum einzuhegen. Systemische Reformkraft aber werden sie erst in einem Zielzusammenhang entfalten, der den Horizont staatlicher Verwaltungspraxis überschreitet. Martyna Linartas betont ausdrücklich, dass bloße Rückverteilung von oben nicht ausreicht. „Wir müssen uns auch bewusst machen, dass wir Ungleichheit nur dann wirklich reduzieren können, wenn wir die ärmere Hälfte der Bevölkerung ermächtigen“ (S. 243).

5) Neustart. Wenn die Perspektive sich umkehrt, wenn sie vom Staat auf die Gesellschaft wechselt, verschiebt sich das Erkenntnisinteresse auf den egalitären Vermögensaufbau von unten. Sichtbar werden Aspekte, die den Diskurs ins Emanzipatorische weiten. Es geht nicht mehr nur um Funktionalität, Zahlenwerke und öffentliche Haushaltsführung, es geht um eine Befähigungsökonomie. Auch ethisch begründete Ansprüche, die lange im Abseits standen, gewinnen an Kontur. Hervorstechend ist z.B. eine frühe Intervention von Thomas Paine (1737-1809). Der aus England stammende Publizist, Politiker und Revolutionär erhob ein auskömmliches Startkapital für alle zum Naturrecht. Es sei die Wiedergutmachung dafür, dass einige wenige Privateigentümer Land und Liegenschaften unter sich aufgeteilt hätten. Martyna Linartas kontrastiert das von Paine Formulierte mit aktuellen Ausgestaltungsideen. Sie referiert Modellierungen aus der deutschsprachigen Wirtschaftswissenschaft, z.B. von Charlotte Bartels (geb. 1984) und Timm Bönke (geb. 1979), und schöpft aus dem, was der französische Ökonom Thomas Piketty (geb. 1971) als Umsetzungsprogramm konkretisiert hat. Wesentlich sind Lebensphase und Bedingungslosigkeit. Heutzutage erbt überhaupt nur ein winziger Teil der Bevölkerung größere Vermögen, wobei die Altersklasse der Empfänger sich typischerweise zwischen 55 und 65 Jahren bewegt. Dass diese Erbschaften in eigene Ausbildung, in ein Studium oder in ein Start-up fließen, ist eher unwahrscheinlich. Für junge Menschen hingegen würde ein Grunderbe ganz andere Möglichkeitsräume öffnen. „Ihre Investitionen würden sehr viel häufiger größere positive Effekte für die Gesellschaft insgesamt bedeuten“ (S. 264). Um aus freien Stücken am eigenen Glück schmieden zu können, soll jede Person daher schon beim Erreichen der Volljährigkeit eine einmalige Geldsumme erhalten – nicht etwa als Ersatz, sondern zusätzlich zu den Gütern und Leistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge. Ein sechsstelliger Euro-Betrag wäre die Schwelle, ab der ein Grunderbe in Deutschland bereits spürbare Effekte gegen das soziale Auseinanderdriften hätte. Folgt man ambitionierten Vorschlägen und setzt 60 Prozent vom Durchschnittsvermögen an, ergäbe sich nach der Bundesbank-Statistik aus dem Jahr 2023 für jede Person ein Grunderbe von ca. 190.000 Euro. Pro Jahr erreichen in Deutschland rund 750.000 Menschen das Erwachsenenalter, so dass jährliche Kosten von 142,5 Milliarden Euro entstehen würden. „Das wäre etwas mehr als ein Drittel der gesamten Erbsumme, die jährlich vererbt wird“ (S. 271). Hieran – und damit führt Martyna Linartas die beiden Säulen ihres Reformprogramms zusammen – hätte die Renaissance der Erbschaftsteuer sich auszurichten. Eingebettet in Finanzierungsprogramme für ein Grunderbe könnte politischer Druck auch für ergänzende Umsteuerungen aufgebaut werden: Für ein Wiedereinsetzen der Vermögensteuer, für eine stärker progressivere Einkommensteuer mit erhöhten Spitzensteuersätzen oder für eine Vermögensabgabe nach dem Vorbild des Lastenausgleichs von 1952. „Wenn ein Ziel steht, finden sich die Mittel“ (S. 303, Anm. 23).
Martyna Linartas kennt Dringlichkeit und Größe der Aufgabe. Sie weiß, dass beim Weg ins Sozial-Ökologische keine Idee im Alleingang fruchten kann, dass es ganzheitlicher Herangehensweisen bedarf, dass emanzipatorische Allianzen zu schmieden sind, dass jeder Schritt eine Vorwegnahme sein muss. Geeignete Orte, um über die Dezentralisierung von Vermögen und Macht zu befinden, könnten weisungsbefugte Räteversammlungen sein, nach dem Losprinzip repräsentativ aus sämtlichen Bevölkerungsgruppen zusammengesetzt und begleitet von Fachautoritäten und Expert:innen. „Möge ein Abbild der Gesellschaft – und nicht die Lobby des großen Geldes – an Einfluss gewinnen und gemeinsam überlegen, was für unsere Demokratie das Beste wäre“ (S. 235).
Wir plädieren dafür, dies auch von freiwirtschaftlicher Seite aus als Einladung zu verstehen. Bekanntlich strebt die Freiwirtschaft zum Abbau leistungsloser Monopoleinkommen eine Reform der Geld- und Bodenordnung an: Eine periodisch anfallende Haltegebühr soll dem allgemeinen Tauschmittel seine Wertaufbewahrungsfunktion nehmen, soll seinen Umlauf verstetigen und es effektiv mengensteuerbar machen. Komplementär sollen Grund, Boden und Naturressourcen umgewidmet werden, sollen die aus ihnen entspringenden Privilegien-Einkünfte der Allgemeinheit zugutekommen. Durch die Einbettung des Marktmechanismus in diese antikapitalistischen Strukturreformen würde sich der allgemeine Zinssatz mittelfristig auf 0 Prozent einpendeln. Auch damit würde einem weiteren Anstieg der Vermögensungleichheit effektiv entgegengewirkt.[1]
Eine Stärkung von Erbschaft- und Schenkungsteuer und die Einführung eines Grunderbes lassen sich handlungsleitend und zum gegenseitigen Nutzen mit dem Ansatz der Freiwirtschaft verbinden. Es wäre spannend, hierüber in einen Dialog zu treten.
Unverdiente Ungleichheit von Martyna Linartas ist ein Buch, das wir dringend empfehlen. Es kommt zur richtigen Zeit. Es holt Ratlosigkeit und Wut aus dem öffentlichen Raum zurück, bringt ihre Ursachen auf einen Begriff und verwandelt sie in Hoffnung und Reformwillen. Genau das braucht es zum zivilgesellschaftlichen Aufbruch und zum Erproben neuer Handlungsmuster. Noch ist es nicht zu spät.
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[1] Vgl.: Werner Onken: Grundrisse einer Marktwirtschaft ohne Kapitalismus. 50 Fragen und Antworten, München: oekom verlag, 2025 [Rezension der AG Freiwirtschaft auf dieser Webseite (online)].